Leseprobe aus „Sterben und sterben lassen“ (erscheint Anfang August 2014)



1.


Wie der Mann dort auf dem Baumstumpf saß: mit zittrigen Fingern an einer Zigarette saugend, in eine graue Wolldecke gehüllt, die ihm einer der beiden Sanitäter übergelegt hatte, blass und verstört, ein Häuflein Elend, bemitleidenswert. Ein Glück für ihn. Sonst hätte Schäfer wohl längst einen schweren Ast aufgehoben und ihn tot geschlagen. Dieses Arschloch. Wer zu blöd war, einen Läufer von einem Wildschwein zu unterscheiden, sollte nicht auch noch mit einem Gewehr in den Wald gelassen werden. Restalkohol wahrscheinlich oder wärmender Morgenschnaps; von diesen grenzdebilen Kreaturen stieg doch keiner nüchtern in den Geländewagen, wenn es zum Halali und Herumballern ging.

„Null komma Null“, merkte Inspektor Plank fast schüchtern an und hielt Schäfer das Testgerät hin.

„Ist wahrscheinlich auch sein IQ“, murrte der und trat zwei Schritte zurück, weil ihm der Gestank von Erbrochenem in die Nase stieg. Beim ersten Versuch, seinen Atemalkohol zu messen, hatte sich der Jäger auf Planks Schuhe übergeben, beim zweiten hatte ihn ein Hustenanfall außer Gefecht gesetzt, erst der dritte war erfolgreich gewesen.

„Ich will eine Blutprobe“, wandte Schäfer sich an den Notarzt, der nun auf ihm zukam und sich die Einweghandschuhe abzog.

„Würde ich lieber warten, bis er ein bisschen stabiler ist.“

„Stabil, hm“, murrte Schäfer und deutete mit dem Daumen über seine Schulter, wo in etwa zwanzig Metern Entfernung unter einer Aludecke ein vor kurzem noch lebendiger Mann lag, aus dessen zerfetzter Oberschenkelarterie ein paar Liter Blut in den Waldboden gesickert waren. „So wie der da hinten, oder?“

„Lassen Sie Ihren Grant nicht an mir aus“, erwiderte der Arzt ohne merkbare Erregung in der Stimme.

„Tschuldigung“, Schäfer hob den Blick zu den Baumwipfeln. Er atmete tief durch und versuchte sich auf das Hämmern des Spechts zu konzentrieren, der dort oben unbekümmert sein Tagwerk vollrichtete. Wenn hier wer stabil werden musste, dann er selbst, gestand er sich ein. Dafür könnte er losrennen, eine halbe Stunde, bis er die Wut und den Hass herausgeschwitzt hätte, die in ihm brodelten. Er könnte auch den Arzt um irgendein Beruhigungsmittel bitten. Oder er konnte seinen Fuß zurückziehen, den Ast aufheben, auf dem er stand, und.

„In einer Stunde sind sie da“, sprach Inspektorin Auer ihn an.

„Wer?“

„Der Dobrits vom LKA und die Spurensicherung“, Auer steckte ihr Handy ein und wartete offenbar auf Anweisungen.

„Passt … Scheisse“, fluchte Schäfer, als das fremde Handy in seiner Jackentasche abermals läutete. Er nahm es heraus, sah aufs Display, Sylvia, er wartete, bis es verstummt war und steckte es wieder ein. „Hat sich der Erwin gemeldet?“

„Ja, aber der ist mit der Familie in der Wachau und …“

„Schon klar.“

„Soll ich, vielleicht … weil ich sie doch kenne, die Frau Thurner und …?“

„Nein“, Schäfer schüttelte den Kopf, ließ seine Zähne ein paar Sekunden gegeneinander reiben und entfernte sich fünfzig Meter vom Zentrum des Geschehens. Drei Anrufe innerhalb einer Stunde. Das hieß wohl, dass Sylvia Thurner sich Sorgen machte. Oder dringend etwas brauchte. Zu Hause war sie nicht, das hatten Plank und Auer überprüft. Vielleicht wartete sie irgendwo auf ihren Mann. Krank vor Angst, dass Günther beim Joggen einen Herzinfarkt erlitten hatte. Nein, kein Infarkt, Frau Thurner, wo denken Sie hin, ihr Mann war doch noch keine Vierzig und bei bester Gesundheit, ups, habe ich jetzt war gesagt? Verdammt. Er wollte keine Ehefrau, von der er nicht wusste, wo oder in welchem Zustand sie war, anrufen und ihr mitteilen, dass ihr Ehemann vor einer guten Stunden verstorben war. Weil ihn ein Jäger mit einem Wildschwein verwechselt und ihm eine Kugel in den Oberschenkel geschossen hatte. Vielleicht saß sie gerade hinter dem Lenkrad, 160 auf der Autobahn, weil sie es gar nicht mehr erwarten konnte, bei ihm zu sein. Scheisse. Schäfer hob einen Fichtenzapfen auf, riss eine Schuppe heraus, steckte sie in den Mund und kaute auf ihr herum. Bitter. Er wollte rauchen. Doch damit würde er die Keine-vor-Mittag-Vereinbarung brechen, die er erst vor zwei Wochen mit sich selbst getroffen hatte. Ausnahmen in besonders belastenden Situationen hatte er sich keine zugesagt – mit so einem Selbstbetrug würde er es als Polizist nie schaffen, mit dem Rauchen oder Trinken aufzuhören, das war wohl klar. Er bemerkte zwei junge Männer und eine Frau in farbenfroher Sportkleidung, die ihre Mountainbikes zögerlich in seine Richtung schoben. Er ging ihnen entgegen und machte sie darauf aufmerksam, dass es sich hier um polizeiliches Sperrgebiet handelte.

„Was ist denn passiert?“, wollte die Frau wissen.

„Ein Unfall“, Schäfer drehte sich kurz weg und spuckte das bittere Holzstück aus, „von euch hat nicht zufällig wer eine Zigarette da, oder?“

„Doch, aber nur Tabak und …“, meinte einer der beiden Männer und wurde umgehend rot im Gesicht.

„Ich hab früher selber gedreht“, antwortete Schäfer und hielt fordernd seine rechte Hand auf.

„Ja, ich hab halt nur“, der Mann zog den Zipp seiner Bauchtasche auf, gab Schäfer eine Packung Tabak und Zigarettenpapier in XXL. „Nur Papier für große Männerhände“, ergänzte Schäfer, nahm ein Blatt, riss es entzwei und legte Tabak drauf. „Sonst denken meine Kollegen noch, dass ich hier einen Joint rauche.“

„Ist da wer gestorben?“, ließ die Neugier der Frau nicht locker, nachdem Schäfer seine immer noch verdächtig große Zigarette angezündet bekommen hatte.

„Ja“, Schäfer blies eine dichte Rauchwolke in Richtung Baumwipfel, die sich jedoch hartnäckig über ihren Köpfen hielt. Tiefdruck. Ein kräftiger Regenschauer, der wäre ihm jetzt ganz und gar willkommen. „Könnt ihr eh alles morgen in der Zeitung lesen“, meinte er im Weggehen, klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen, nahm sein Handy sowie das des Toten heraus und übertrug die Nummer von dessen Frau.

„Frau Thurner? … Major Schäfer hier … Darf ich fragen, wo Sie sich gerade aufhalten? … Ja, Frau Thurner, es geht um Ihren Mann … es hat einen Unfall gegeben und … es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen das sagen muss, Frau Thurner, aber … Ihr Mann ist leider verstorben.“




„Und dann!“, fuhr Auer fort, „nimmt … nimmt der Kloibenschädel den Alkomat in die Hand, setzt ihn an den Mund und will draus trinken!“

  Alltag in der Inspektion